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Das Neidhartgrab am Wiener Stephansdom

Marc Lewon

Auf dem Sockelrelief des Neidhartgrabs am Wiener Stephansdom befanden sich ursprünglich Szenen aus Neidhartschwänken. Von ihnen sind heute zwar nur noch Fragmente erhalten, aus historischen Beschreibungen ist aber überliefert, dass sie einst einen (generischen) Dörperkampf und den Veilchenschwank (» Hörbsp. ♫ Vyol – Urlaub hab der wintter) abbildeten.[36] Die erhaltenen Reste zeigen außerdem eine Szene aus dem Beichtschwank und gelten damit als frühester Beleg für diese Geschichte.[37] Die beiden Schwanklieder sind in der Südtiroler Sterzinger Miszellaneen-Handschrift (I-VIP o. Sign.)– eine Handschrift, die vielleicht sogar Oswald von Wolkenstein bekannt war – mit Melodie überliefert.[38]

Das Hochgrab Neidharts wurde wohl im Zuge der baulichen Erweiterungen der Stephanskirche durch Herzog Rudolf IV. zunächst im Langhaus der Kirche errichtet, um ein schlichteres Erdgrab zu ersetzen. Untersuchungen aus dem Jahr 2000 ergaben, dass sich Gebeinreste von zwei Individuen im Grab befanden, die grob auf das mittlere 13. und mittlere 14. Jahrhundert datiert werden konnten, was zu den Sterbedaten des originalen Neidharts und des Neidhart Fuchs‘ passen würde.[39] Es ist daher naheliegend, anzunehmen, dass infolge einer einsetzenden „Neidhartfolklore“ im 14. Jahrhundert, verbunden mit dem Wunsch nach Herrschaftskonsolidierung durch den „Stifter“ Rudolf IV.,[40] der Exportschlager „Neidhart“ eine feste Heimstatt erhalten sollte und die beiden großen Vertreter dieser Gattung – der Begründer und sein berühmter Nachfolger – hier in eine prunkvolle Grabstelle zusammengelegt wurden. Dass zumindest letzterer dort beerdigt wurde, wird durch den Wappenschild mit einem aufrecht stehenden Fuchs untermauert, welcher der auf dem Grabmal liegenden Neidhartfigur beigegeben ist. Eine weitere, heute separat erhaltene Fuchsskulptur könnte ebenfalls Teil des Neidhartgrabs gewesen sein, vielleicht zu Füßen des Dichters liegend.[41] Vermutlich wurde das ursprünglich in der Kirche gelegene Hochgrab erst gegen 1390 an die Außenmauer des Doms und – nicht zufällig – an das zur Singschule hin ausgerichtete „Singertor“ verlegt, durch das die Sänger in den Dom eintraten.[42]

 

 

Wie die Abbildungen im Haus Tuchlauben 19 (» Abb. Dörperkampf der Tuchlaubenfresken, » Abb. Dörpertanz der Tuchlaubenfresken) und der Wiener Tuschezeichnung (» Abb. Dörpertanz der Wiener Tuschezeichnung) haben auch diejenigen am Neidhartgrab mehr mit den in den Neidhartspielen verarbeiteten Schwankgeschichten gemein als mit den eigentlichen Liedern, so dass man hier sogar eher an die Verbildlichung gespielter Szenen als an die Abbildung von Liedinhalten denken mag.

Dass die Entwicklung des Neidhart-Genres zu dieser Zeit aber noch in vollem Schwung war, zeigt die literarische Rückkopplung, in der das Neidhartgrab des 14. Jahrhunderts Teil der Liedüberlieferung des späten 15. Jahrhunderts wurde. Im Epilog zum Schwankbuch „Neidhart Fuchs“ (» frühester Druck: D-Hs In scrinio 229°, Augsburger Neidhart Fuchs-Druck (z), Augsburg: Johann Schaur um 1495) nehmen die jetzt als „Bauern“ bezeichneten „Dörper“ körperlich Rache am Neidhartgrab. Außerdem wird hier zum einen deutlich, dass diese späte Neidhartüberlieferung auf Neidhart Fuchs bezogen sein könnte, der in Diensten der Herzöge Friedrich II. (1327–1344) und Otto IV. des Fröhlichen (1301–1339) gestanden haben soll, und zum anderen, dass dessen Lieder und Geschichten gegen Ende des 15. Jahrhunderts noch in aller Munde waren. Sogar Neidharts langer Nachruhm wird als außergewöhnlich gewürdigt:

„Und herczog ott der was sein herr / Der pfaff vom kallenberg vnnd er / Hand sellich abenteir verbracht / Die sünst kain man nye hatt erdacht / Das man seyt von in frú vnd spat / zú singen vnd zú sagen hat / Auch fint man von dem Neythart das / Er herczog fridrichs deiner was […] Uon im wir auch ain wissen haben / Das er noch zú wien leit begraben / Jn der kirchen zú sant steffan / Da sicht man noch mengen paurs man / Dye ab jm hand ain gros verdrissen / sy stechend in sein grab mit spiessen / Was sy jm móchten ton zú laid / darzú wárend sy noch berait / Nun darumb das er an in rach / das man im den feyel ab brach […] Dar nach auch über hundert jar / Als dann der Neythart tót vir war / Waw fint man ain sellichen merr / Dem also mig lob vnd Eer / So lang nach seinem tod verjechen / Als dann dem Neythart ist geschechen“[43]

(Und Herzog Otto, der war sein Herr. Der Pfarrer von Kahlenberg und er haben solche Abenteuer erlebt, die sonst kein Mensch sich je erdacht hat, dass man seitdem von ihnen ständig singt und erzählt. Auch weiß man vom Neidhart, dass er Herzog Friedrichs Diener war. […] Von ihm wissen wir außerdem, dass er heute noch in Wien begraben liegt in der Kirche von St. Stephan. Da sieht man immer noch viele Bauern, die über ihn sehr verärgert sind. Sie stechen auf sein Grab mit Spießen ein. Was immer sie ihm an Leid hätten zufügen können, dazu waren sie immer noch bereit, weil er sich an ihnen gerächt hatte, dass sie ihm das Veilchen weggepflückt hatten. Und das noch mehr als hundert Jahre nachdem der Neidhart tatsächlich gestorben ist. Wo findet man noch einen solchen, dem man so lange nach seinem Tode dermaßen viel Lob und Ehre zuteilwerden lässt, wie es dem Neidhart geschehen ist.)

 

Abb. Bauern am Neidhartgrab im frühesten Neidhart-Fuchs-Druck

Abb. Bauern am Neidhartgrab im frühesten Neidhart-Fuchs-Druck

Darstellung von Bauern mit Spießen am Neidhartgrab mit der Beischrift „Hie ligt Neithart begraben vnd die pawrn stechen mit spiessen zu im“ in der Augsburger Inkunabel D-Hs In scrinio 229° ( » Augsburger Neidhart Fuchs-Druck (z), Augsburg: Johann Schaur um 1495), S. 203. Der Holzstich zeigt auch das Metallgitter, das gemäß Johannes Matthias Testarello della Massa das Neidhartgrab noch im Jahre 1685 umgab. (siehe Perger 2000, S. 118.)

 

Man nimmt an, dass die starken Beschädigungen am Neidhartgrab vor allem von den Truppen Napoleons stammen, die während der Besetzung Wiens rund um die Schlacht von Austerlitz 1805/06 in der Stadt wüteten,[44] denn 120 Jahre zuvor war die Tumba offenbar noch größtenteils unversehrt.[45] Nach Berichten von 1779 und 1796 müssen die Darstellungen zu dieser Zeit noch erkennbar und das Grab obendrein bemalt gewesen sein.[46] Allerdings wurde die Tumba bereits Anfang des 16. Jahrhunderts restauriert, so dass die Vermutung geäußert wurde, die Holzschnitte des Schwankbuches „Neidhart Fuchs“ gäben tatsächliche Beschädigungen des Grabes durch Personen wieder, die sich von den Neidhartliedern beleidigt fühlten.[47]

[36] Gemäß dem Augenzeugen Johannes Matthias Testarello della Massa, der das Grab 1685 noch weitgehend intakt betrachten konnte, war es mit einem eisernen Gitter geschützt und zeigte Szenen aus dem Veilchenschwank (Perger 2000, 118).

[37] Vgl. zu den Schwankgeschichten auch Jöst 2017. Das Schwankbuch, in dem das zuvor genannte Oswald-Lied Ir alten weib, ir jungen man (Kl 21) fälschlich Neidhart zugeschrieben wurde, erinnert in der Zusammenstellung an einen „verkehrten“ Artusroman mit Erringung der höfischen Tafel gleich zu Anfang, einem folgenden Ehrverlust durch den Veilchenschwank und schließlich der Wiedererlangung der Ehre durch zahlreiche „Questen“ gegen die Dörper.

[38] Zu dieser Handschrift, besonders auch der Neidhart-Überlieferung darin, vgl. Knapp 2004, 530–547.

[39] Großschmidt 2000. Gemäß den Untersuchungen wurde der originale Neidhart 45–55 Jahre alt (was zu den angenommenen Lebensdaten ca. 1190–ca. 1240 passt) und war 173,5 cm groß. Neidhart Fuchs wäre danach 35–45 Jahre alt geworden bei ähnlicher Körpergröße (174 cm).

[40] Den Beinamen erhielt er wegen seiner Stiftung der Wiener Universität, die knapp 100 Jahre später in einem Loblied von Michel Beheim besungen werden sollte (» Hörbsp. ♫ Von der hohen schul zu wien: Zu dichten han ich mich betracht). Zur „Elevatio“ beider Neidharte durch das Grabmal am Wiener Dom und der Etablierung der Marke „Neidhart“ als Wiener Wahrzeichen und als „PR-Schachzug“ von Rudolf IV., siehe Blaschitz 2000, 181.

[41] Siehe Blaschitz 2000, v. a. 171. Für weitere Informationen zum Neidhartgrab siehe Dahm 2000.

[42] Perger 2000, 112f.

[43] D-Hs In scrinio 229° ( » Augsburger Neidhart-Fuchs-Druck (z), Augsburg: Johann Schaur um 1495), S. 203–206.

[44] Perger 2000, 121.

[45] Siehe Anm. 36.

[46] Perger 2000, 120 und Dahm 2000, 131.

[47] Dahm 2000, 132f.