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Der Wandel vom „Dörper“ zum „Gebauren“ in den Abbildungen zur Neidhartüberlieferung

Marc Lewon

Abb. Die Neidhartminiatur im Codex Manesse

Abb. Die Neidhartminiatur im Codex Manesse

Die Miniatur zeigt den Dichter Neidhart mit abschwörender Geste, umringt von Dörpern aus seiner Dichtung (» D-HEu cpg 848, Heidelberg, Universitatsbibliothek, Codex Manesse, Zürich ca. 1305, fol. 273r: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848).
(Zur Deutung der Miniatur und ihrer Vorlage, der „Verspottung Christi am Kreuz“ aus dem Bilderprogramm des Heilsspiegels, siehe Voetz 2002 und die Zusammenfassung auf https://mlewon.wordpress.com/2012/11/05/frauenlob-miniature/.)

 

Abb. Dörpertanz der Wiener Tuschezeichnung

Abb. Dörpertanz der Wiener Tuschezeichnung

Die Federzeichnung inmitten einer universitären Abschrift der Questiones in Aristotetelis libros physicorum von Jean Buridan von ca. 1370 (» A-Wn Cod. 5458, fol. 226r; mit Genehmigung) zeigt vier namentlich bezeichnete Dörperfiguren beim Tanz: drei Männer – zwei davon mit Dolch und Schwert bewaffnet – und eine Frau. Den Figuren sind Aussagen beigestellt, die z. T. Psalmen zitieren:

Gunprecht: „Crura valde pulchra cum domicellis“ (sehr hübsche Schenkel mit Mädchen),
Snabelrúsh: „Domine deus meus in te speravimus“ (Herr, mein Gott, auf dich haben wir vertraut),
Slumphilt: „Domine deus eripe me de manu inimici“ (Herr, mein Gott, entreiße mich der Hand des Feindes),
Engelmar: „Domine deus si feci istud“ (Herr, Gott, wenn ich das getan habe…).

(Für eine eingehende Analyse der Miniatur und ihre Einordnung in den Kontext der Wiener Neidhartrezeption siehe https://musikleben.wordpress.com/2013/07/22/neidhart-in-vienna/. Vorangegangene Beobachtungen finden sich bei Wachinger 2011.)