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Legendenspiele

Christian Neuhuber

Das mittelalterliche Legendenspiel war nicht bloß theatrale Unterhaltung; als performative Vergegenwärtigung eines exemplarischen Verhaltens diente es zur identitätsstiftenden Versicherung christlicher Werthaltungen. Jede Aufführung war ein sozialer Akt mit rituellem Charakter, ein verständlicherer Gottesdienst, der alle Beteiligten, Spieler wie Zuschauer, am Numinosen teilhaben ließ.[1] Das Spiel machte die Transzendenz des Göttlichen in verständlichen Bildern erfahrbar und war sowohl Ausdruck als auch Impuls der Frömmigkeit.  

Über die ästhetischen Bedingungen der Legendenspiele als Formen religiöser Praxis weiß man jedoch vergleichsweise wenig.[2] Einer mündlichen Aufführungskultur verpflichtet, haben sich nur sehr wenige Texte und nicht viel mehr Hinweise zu ihren Inszenierungen erhalten. Die meisten Aufführungsbelege zu einem Legendenspiel lassen sich im deutschsprachigen Raum für Dramatisierungen der Dorotheenlegende nachweisen. Aber auch von diesem Spiel ist nur ein Textfragment überliefert, das sich in der Stiftsbibliothek Kremsmünster erhalten hat.

[1] Vgl. u. a. Müller 2004 und Fischer-Lichte 2004.

[2]  Dies im Unterschied zu anderen Gattungen des mittelalterlichen Dramas, z. B. den Passions- und Osterspielen.