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Phantastischer Realismus

Wolfgang Fuhrmann

Im Spätmittelalter wird die Grenze zwischen Jenseits und Diesseits auch im Bild immer stärker durchlässig und bleibt doch aufrecht. Singende oder Instrumente spielende Engel treten bei der Geburt Christi oder noch öfter gemeinsam mit der gekrönten „Himmelskönigin“ Maria auf, einzeln, in Gruppen oder ganzen Scharen. Sie scheinen den Betrachtern teilweise reale Musikinstrumente und Musiziersituationen vor Augen zu führen, so verführerisch „fotorealistisch“ und detailgetreu wirken die Oberflächen- und Lichteffekte der Kunst des 14. und namentlich des 15. Jahrhunderts (vgl. etwa die aus Mensuralnoten singenden Engel, » Abb. Pacheraltar St. Wolfgang).

 

Abb. Pacheraltar St. Wolfgang

Abb. Pacheraltar St. Wolfgang

Engel, die aus Mensuralnoten singen (eine von zwei Gruppen). Flügelaltar von Michael Pacher (1471–1479), Pfarrkirche St. Wolfgang, Salzkammergut. Foto: © imareal. 

 

Und doch ist es verfehlt, nach dem „Realismus“ des Dargestellten zu fragen. Engel sind, wie man wissen könnte, nicht der irdischen Realität unterworfen. Manche Bilder mögen Instrumentenkombinationen, also Ensembles darstellen, wie sie auch zeitgenössisch möglich gewesen wären. So zeigt ein aus Norddeutschland stammendes Altarbild der Madonna mit Kind und musizierenden Engeln die Zusammenstellung einer „basse musique“ von Laute, Harfe, Portativ und Fidel, vermutlich mit Gesang.[5] Andere überschreiten bewusst – und mit bewusster Symbolik – jedes irdische Maß, wie etwa das ins Endlose verschwebende Riesenensemble der Marienkrönung in der Wiener Kirche Maria am Gestade (» Abb. Maria am Gestade).[6] Manche scheinen an ausgelassenen Spielmannsensembles ihr Vorbild zu nehmen, andere verweisen auf die feierlichen Gebärden des kirchlichen Rituals.

[5] Madonna mit Kind und musizierenden Engeln, Szépművészeti Múzeum, Budapest. Ähnlich auch Stefan Lochners Madonna im Rosenhag (um 1450).

[6] Vgl. dazu Tammen 2014, 232–235; » C. Engelsmusik.