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Palmweihe

Ute Monika Schwob

Palmweihe und -prozession erinnern an den Einzug Jesu in Jerusalem, wo ihm das Volk zujubelte und Palmzweige streute (Joh 12,13–15). Mit dem Palmsonntag, dem letzten Sonntag der Fastenzeit, beginnt die Karwoche, weshalb gemäß römischer Liturgietradition der Palmweihe die Verlesung der Passion folgt. Die Prozession an einen Ort außerhalb der Kirche mit der Weihe von Palmbuschen, Ölzweigen, Palmkätzchen, Buchsbaum- oder anderem regional verfügbarem Buschwerk ist bereits in der Spätantike und im Frühmittelalter bekannt gewesen. Der Brixner Dommesner Feichter widmete diesem Ereignis in seinen Aufzeichnungen breiten Raum, weil es für ihn viel zu tun gab.[13] Am Vortag des Palmtags, dem „Palmabend“, musste er das Kreuz am Eisengitter im Chor abnehmen und mit einem Mantel verdecken, damit man es von der Leutekirche aus nicht sehen konnte. Nachmittags begannen die Vorkehrungen zum Aufbau der Palmhütte auf der nördlich vom Dombezirk gelegenen Prielwiese, einem Sumpfgelände an der vom Eisack gespeisten, für Gewerbebetriebe angelegten Mühlwiere (Mühlkanal).[14] Der dort ansässige Müller sollte Ross und Wagen herleihen, um die notwendigen Baubestandteile aus ihren jeweiligen Abstellplätzen im Dombezirk zu holen. Zudem sollte er den Steg über den Mühlkanal ausbessern und die Hütte aufstellen, wofür er bar bezahlt wurde. Noch nicht fest verlegtes Bretterholz sollte so verstaut werden, dass „es die púebm nit vertragen“ (dass es die Buben nicht wegtragen). Abends musste der Mesner die langen Bänke in der Gruft beim Barbara-Altar säubern sowie Umhänge, Tücher und Teppiche herrichten, damit sie am nächsten Morgen von zwei Knechten zur Palmhütte getragen werden konnten. Der Palmsonntag wurde mit Glockengeläut eröffnet, das im Verlauf der Prim anschwoll, so dass zu Beginn der Prozession alle sechs Brixner Domglocken läuteten. Inzwischen wurde die Palmhütte mit Überdeckung, Bänken, Predigtstuhl und Tüchern hergerichtet. Der Offiziant und die Domherren erhielten festliche, aber nicht die besten Messgewänder, die Schüler und Ministranten rote Mäntelchen. Weihwasser und Weihrauch wurden bereitgehalten, um bereits vor der Prozession und dann bei der Palmweihe vor der Palmhütte zum Einsatz zu kommen. Der Mesner führte die Prozession vom Chor über die Stiege bei der Orgel hinunter zur Katharinenkapelle und von dort in das Seitenschiff, dann mitten durch die Kirche über den Friedhof in Richtung Eisackbrücke. Er ordnete die Prozessionsteilnehmer hierarchisch und nach Fahnen. Wenn Neustifter Chorherren teilnehmen wollten, warteten sie bei der Brücke über den Mühlkanal, wo auch Bewohner naher Pfarren hinzukamen. An der Palmhütte angelangt, sang der „Epistler sein prophecei“, dann der „Evangelier“ sein Evangelium. Sobald sich die Domherren in der Hütte auf den Bänken niedergelassen hatten, musste der Mesner die mit Weihwasser und Weihrauch geweihten Palmzweige vor sie auf den Boden legen, so dass sich die Herren davon bedienen konnten. Wer Ölzweige oder sonst etwas Besseres zur Weihe mitbringen wollte, konnte das tun; der Mesner musste nur bereitstellen, was in der Umgebung wuchs, allerdings sauber ausgeputzt. Nach der Palmweihe zog die Prozession wieder zum Dom zurück und durch das Hauptportal hinein. Von dieser Einzugsprozession, ursprünglich dem wichtigsten Teil der Dramatisierung des biblischen Geschehens, meist gesanglich reich ausgestattet, nimmt der Brixner Dommesner Feichter wenig Notiz.[15] Auf dem Priel begann unterdessen der Abbau der Palmhütte. Inzwischen sollte der Mesner in der Kirche alles für den Einzug herrichten, unter anderem das Kreuz vom Chor hinab tragen. Die Prozession zog dann mit dem Kreuz – ohne die Laien – wieder auf den Chor. Getragen wurde das Kreuz von den Chorherren Unserer Lieben Frau. Dann galt es, die festlichen Messgewänder wie die roten Mäntelchen abzulegen und gegen schwarze auszutauschen, denn die Liturgie des Palmsonntags ging ohne Unterbrechung als die des Passionssonntags weiter. − Wenn es am Palmsonntag regnete oder Unwetter drohten, waren die Prielwiesen für die Palmweihe ungeeignet, weshalb die Weihe-Zeremonie in das große Portal und die Vorhalle des Doms verlegt werden musste. Dort war wenig Platz, so dass der Mesner sich selbst und einen möglichen Nachfolger im Amt ermahnt, alles beizeiten herzurichten, denn „darnach kanstú dich nit berúern vor dem volckh“ (danach kannst du dich nicht rühren wegen der Menschenmenge). Er rechnete demnach bei jeder Witterung mit der Teilnahme von zahlreichen Laien. Die Prozession wurde bei Regen verkürzt, bei starkem Regen wurde der Umgang nur mehr durch den Kreuzgang geleitet und beim Südportal wieder in den Dom zurückgeführt. (» Abb. Grundriss des Brixner Doms)

[13] Vgl. Hofmeister-Winter 2001, 223–233, fol. 65r–69v.

[14] Vgl. Hye 2001, 152.

[15] Gesänge der Palmsonntagsprozession von St. Stephan in Wien sind erwähnt in Kapitel  » E. Städtisches Musikleben.