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Glaubensideologie und Verfolgung

Andrea Horz

Der nicht zuletzt mithilfe musikalischer Mittel geschaffene antijüdische Nährboden, auf dem Judenverfolgungen wie beispielsweise in Trient 1475 überhaupt gedeihen konnten, war durch seine religiöse Komponente stark in der christlichen Gesellschaft verankert. Es gab gar die Idee, die jüdischen „Verbrechen“ an Christus und seiner Mutter Maria rächen zu müssen; von manchen wurde die Vertreibung und Tötung von Juden als gottgefällig empfunden. Die Judenvertreibung in Ulm 1499 beispielsweise legitimierten die Verantwortlichen im Nachhinein folgendermaßen: „der König [Maximilian I.] habe sie ‚got dem allmächtigen unnd auch der hochgelopten himelkunigin und junckfraw Marien zu lob unnd eeren‘ von den Juden, die sie als ‚verschmäher und verächter unnsers herren Jhesu Cristi und vyendt [Feinde] siner werden muter der rainen junckfrow Marien und unsers Cristenlichen glaubens‘ bezeichneten, befreit.“[56] Zwar ging die Vertreibung nicht auf Maximilians Willen zurück. Doch legte dieser auf die Erfüllung der als Gegenleistung angebotenen vierteljährlichen Gebete in bestimmten Ulmer Klöstern wert. Nach Markus J. Wenniger rückte er damit die Judenvertreibung in die „Nähe eines gottgefälligen Werks“.[57]

Ebenfalls als Rache für das Leid Marias, das sie durch die Juden erdulden musste, wurde in Regensburg 1519  die Errichtung einer Marienkapelle auf dem Platz der jüdischen Synagoge gerechtfertigt. In einem Lied, das von dem Ereignis berichtet, spiegelt die letzte Strophe in nuce dieses Zerrbild wider: „Du himelische kaiserin zu lob ich dir das schreib, zu schand der wilden beswichtin, des Mosses Juden weib: si thut dich spötlich nennen, - maria mein behut! – darumb thu ich erkennen, thett man den sack verprennen, so wer die sach vast gut.“[58]

Auch in gänzlich anderer Weise sind die mittelalterlichen Spuren von den Untaten gegen die jüdischen Nachbarn heute noch für die musikwissenschaftliche Forschung sichtbar, denn auch die materielle Überlieferung von Musik legt davon Zeugnis ab. Auf einem Torafragment ist das Lied Ju ich jag des Mönchs von Salzburg überliefert – partiturartig aufgezeichnet, daher wahrscheinlich als Hilfsmittel für eine instrumentale Aufführung gedacht. Ein Musiker dürfte durch die Wiener Judenverfolgung von 1420/21 an die jüdische Handschrift gekommen sein, die in Fragmente aufgesplittert und quadratisch zurechtgeschnitten fortan als musikalischer Überlieferungsträger fungierte.[59] Ein weiteres Beispiel des Ineinandergreifens von Judenverfolgung und der Aufzeichnung christlicher Musik scheint auch ein Choralcodex (» A-Wda Kirnberger Slg. Wiener Dompropstei, Cod. C-8, ca. 1420–1430) der Wiener Dompropstei zu bieten, in den offenbar geraubte Pergamentfragmente eines hebräischen Werkes über liturgische Gedichte eingebunden sind. (» Abb. Ben Azriel) Auf den Fragmenten hat jemand die Einschiebsel „Benedicamus domino“ (fol. 1r) und „Alleluia“ (fol. 2v) aus der christlichen Liturgie glossenartig hinzugefügt.

 

Abb. Ben Azriel

Fragmente von Abraham Ben Azriels Arugat ha-Bosem („Gemüsebeet“), Kommentar zu liturgischen Gedichten (14. Jahrhundert), im Choralcodex » A-Wda, Kirnberger Slg. der Wiener Dompropstei, Cod. C-8 (ca. 1420–1430), fol. 1r und 2v. Auf den Fragmenten wurden nachträglich die Abschnitte „Benedicamus domino“ (fol. 1r) und „Alleluia“ (fol. 2v) aus der christlichen Liturgie notiert.

 

[56] Wenninger 2003, 206.

[57] Wenninger 2003, 206.

[58] Das Lied ist in der sogenannten Toller-Melodie zu singen. Es ist eines von fünf Liedern und Gedichten, das in Liliencron 1966, 332, zu finden ist. Die Ausführungen von Liliencron 1966, 316–319, geben Einblick in die Umstände der Vertreibung. Weitere Lieder über Judenverfolgungen finden sich ebenfalls in diesem Band. Zur Synagogenzerstörung und zum Marienkirchenbau siehe beispielsweise Glüber 2001.

[59] Strohm 2014, 18 f. Vgl. auch » B. Kap.