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Etablierung eines Kultes

Andrea Horz

Als Kindsmörder zu Tode verurteilte Juden sowie die Vertreibung der in Misskredit gebrachten jüdischen Bevölkerung aus Trient waren nur eine Seite der Folgen des Todesfalls Simons. Ein weiteres Bestreben von Hinderbach lag darin, Simon als heiligen Märtyrer zu etablieren und Trient zu einem Wallfahrtsort zu machen. Im Umfeld der Leiche sollen sich Wunder ereignet haben.[15]

1478 erreichte Hinderbach zwar die päpstliche Sanktion des umstrittenen Verfahrens gegen die Trienter Juden, jedoch erfüllte sich zu seinen Lebzeiten das ehrgeizige Ziel einer päpstlichen Legitimation des Kultes um einen „Märtyrer“ Simon nicht. Erst 1588, mehr als hundert Jahre später, erkannte Papst Sixtus V. den Kult um Simon von Trient offiziell an. Simon wurde zudem einer der Patrone des Landes Tirol.[16] 1965 wurde der Kult jedoch nach wissenschaftlicher Aufarbeitung der historischen Quellen durch ein päpstliches Dekret wieder abgeschafft.[17]

Mit der Aufnahme in das Martyrologium Romanum – also dem Verzeichnis aller Heiligen und Seligen der Römisch-Katholischen Kirche – war bis 1965 dem jährlichen Gedenken Simons von Trient ein fixer Platz im Jahreskreis eingeräumt.[18] In dem von Papst Sixtus V. sanktionierten Formular zum Ablauf des an diesem Tag zu vollziehenden Stundengebets[19] ist insbesondere im musikalisch auszuführenden Hymnus zur Matutin die Geschichte Simons thematisiert:

SCELESTUS haurit sanguinem
Judaeus integerrimum.
Nec guttur obstrictum potest
Lenire luctus questibus.
Sed hostis immanissimus
Tibi nequivit tam pio
Prodesse corde, quam fera
Crudelitate profuit.
Tu nempe mundi lacrymis
Praereptus emisti bona
Immensa parvo impendio,
O nosque Simon adjuva.
Laus, et perennis gloria
Deo Patri, et Filio
Sancto simul Paraclito
In saeculorum secula. Amen.

Der verbrecherische Jude schöpft
das ganz unschuldige Blut.
Auch die zugeschnürte Kehle vermag nicht
die traurigen Klagen zu dämpfen.
Aber der ungeheure Feind
hätte dir nicht einmal mit frommem
Herzen so viel Gutes tun können,
wie er durch wilde Rohheit genützt hat.
Du nämlich, den Tränen der Welt
entrissen, hast unendlich viel Gutes
mit geringem Aufwand erworben.
O hilf, Simon, auch uns.
Lob und ewiger Ruhm
sei Gott dem Vater und dem Sohn
und zugleich dem Heiligen Geist
in Ewigkeit. Amen.[20]

In nuce sind im Hymnus die Eckpunkte des „Martyriums“ aus christlicher Sicht benannt: das vermeintliche Verbrechen, das sündlose Herz des Knaben Simon und seine Wohltätigkeit – womit auf die Wunder verwiesen sein mag, die an seinem Leichnam geschahen.[21] Und es steht fest: Der „verbrecherische Jude“ ist laut Liedtext schuld an Simons Tod.[22]

Simons Aufnahme in das Martyrologium war für das damalige Leben keine Nebensächlichkeit. Die Ereignisse um Simon und somit die angeblichen jüdischen Taten waren nun fest im Leben der römisch-katholischen Bevölkerung im Fürstbistum Trient verankert. Der für das Gedenken vorgesehene Tag war Teil des Kirchenjahres, das die Tage, Wochen und Jahre der Menschen ordnete; das Formular für das Stundengebet war ein Bestandteil derjenigen Signale, die den Arbeitstag gliederten.[23] Denn die Einteilung des Stundengebets war für sämtliche Bevölkerungsschichten maßgeblich: Der Klang der Kirchenglocken gab über die Kirchenmauern hinaus den Tagesbeginn und das -ende bekannt, die akustischen Signale gliederten den Arbeitstag im Rhythmus der kirchlichen Horen.[24] Jährlich erinnerten nun diese Glocken sowie der Gesang des Offiziums am 23. März auch an die Geschehnisse von Trient.[25]

[15] Zu den Wundern, siehe Esposito 2003, 144 ff.

[16] Zur historischen Entwicklung des Kanonisationsverfahrens von Heiligen siehe die aufschlussreiche Darstellung bei Hausberger 1985.

[17] Quaglioni 2003, 100.

[18] Daten aus Worstbrock 1992, 1261.

[19] Siehe hierzu das 1588 herausgegebene Formular zum Ablauf der Feierlichkeiten, online unter: http://www.stabat.it/?q=scheda/62 [03.09.2015].

[20] Die Übersetzungen in diesem Beitrag stammen, soweit nicht anders ausgewiesen, von der Verfasserin.

[21] Die Wunder Simons sind in einem Kodex, aufbewahrt im Fürstbischöflichen Archiv des Stadtarchivs Trient, registriert (ASTAPV, S.1, Karton 69, Nr. 5a; nach Esposito 2003, 157). Weitere Ausführungen in Esposito 2003, 144 ff.

[22] Da der Fall des Andreas von Rinn eng mit Simon von Trient verbunden ist, verwundert es nicht, dass dieser Hymnus auch zu Ehren des „Anderle“ gesungen wurde. Zum Zusammenhang der Fälle siehe die Ausführungen von Schroubek 2003.

[23] Mit der Vermehrung der Heiligenfeste im Spätmittelalter war das eigentlich festliche Heiligenoffizium fast Normalfall, nicht das Tagesoffizium. Siehe hierzu Häussling 2000, 1234.

[24] Siehe zur spätmittelalterlichen Klangatmosphäre die paradigmatischen Ausführungen von Strohm 1985, insbesondere 2 ff.

[25] Zudem kam im Mittelalter, vor allem im Spätmittelalter, unter den Laien das Bedürfnis auf, das tägliche Gebet an den Klerus anzugleichen. Eine Folge davon war die Verbreitung von Stundenbüchern, die sich inhaltlich an das Brevier des Klerus anlehnen, aber beispielsweise durch Textauswahl persönliche Züge tragen können. Zur Praxis des Stundengebets und vor allem zu dessen Bedeutung für Kloster, Weltklerus und Laien siehe die Ausführungen von Waldhoff 2012.